Andacht - 17.05.2020

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Gedanken zum Sonntag Rogate – Betet, 17.5.2020, Pfrin. Kerstin Kowalski

Mt 6, 5-15

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Glaubensbekenntnis

Musik

Auslegung

Ein Corona-Kettenwitz geht derzeit durch Whatsapp, eine kleine Bildergeschichte, die sich aber auch sehr gut erzählen lässt. Ein Mann erzählt in verschiedenen Zusammenhängen, er würde sicher nicht an Corona erkranken, denn Gott beschütze ihn ja. Ich verlasse mich voll auf Gottes Schutz! Sagt er mehrmals – und Gott wird mich schützen. Angebotene Hilfsmittel wie Desinfektion, Mundschutz lehnt er ab.

Und wird krank. Warum hast du mich nicht beschützt? Mit der ganzen Wut, die er noch zustande bringt, fragt er Gott.

Ich habe dir einen Mundschutz angeboten und Desinfektionsmittel – was willst du denn noch? Fragt Gott.

Diese Geschichte gibt es in mehreren Varianten, sie ist immer wieder schön, weil sie so genau auf den Punkt bringt, was beten NICHT ist, nicht sein kann.

Gebete ändern die Welt nicht. Aber Gebete ändern die Menschen. Und die Menschen verändern die Welt. Albert Schweitzer

Ich glaube, damit kommt man der Sache schon näher: warum bitte im stillen Kämmerlein, wo uns keiner sieht? Und es keiner bemerkt?

Weil beten eben nicht immer angenehm ist: wenn wir uns dem Dialog mit Gott stellen, wenn wir uns konzentriert fragen, was in unserem Leben nach Gottes Willen läuft, und was nicht – dann führt das zu manch schwieriger Einsicht: im Stillen lässt sich Egoismus, Eifersucht, Versagensangst einfacher erkennen, als wenn andere dabei sind. Und genau das passiert beim Gebet: wenn es gelingt, dann öffnet eine Zeit des Betens uns für Gott und für uns selbst. Wenn es gelingt, dann erhalte ich Einblick in mein eigenes Innerstes, dann kann ich erkennen, warum ich das gaten habe, oder gedacht habt, was ich gedacht habe.

Wenn es gelingt: Beten ist anspruchsvoll, kein Kinderspiel, auch, wenn auch Kinder beten können. Nein, Beten verlangt viel von uns: schon den Blick auf sich selbst zu richten, ist manchmal eine Herausforderung: wie war mein Tag, was habe ich heute alles zustande gebracht, oder vermurkst? Sind meine Gedanken wirklich rein und lauter, oder schimmern da die eigenen Ziele hindurch, die ich eigentlich lieber verstecke?

Dazu braucht es einen ruhigen Moment, meistens ein eher längeren Moment.

Vielleicht auch deshalb das Kämmerlein: weil es diesen Blick leichter macht – und auch den Schritt danach: wenn es gelingt – dann kann ich nach einem Gebet durchaus eine andere Meinung haben, als zuvor: weil ich vor Gott und mit Gott die Welt anders sehen, als alleine oder im Vollzug meines Lebens mit seinen festen Bahnen. Weil ich den fünf Minuten des Nachdenkens gespürt habe, wie sehr Gott mich trägt und bei mir ist. Und mit dieser Stärke, die länger als fünf Minuten wirkt, kann ich dann nach außen auch anders auftreten: ich habe den Boden unter den Füßen wieder gefunden.

Noch ein letzter Gedanke, auch der ist geklaut von einem klugen Menschen: Das Gebet ist der Schlüssel für den Morgen und der Türriegel für den Abend, sagte Mahatma Gandhi. Das Regelmäßige ist beim Beten nicht so wichtig fürs Gelingen, aber für die Sicherheit: wer morgens seinen tag damit beginnt, sich sagen zu lassen: du bist mein Sohn/meine Tochter – und das als Überschrift mitnimmt, lebt anders. Und wenn abends wir nachsehen, wie´s war und dabei Freude und Schmerz über das Erlebte teilen kann, ist manche Niederlage nicht so schlimm und manches Vergessene wird mit gutem Mut nachgeholt: die Regelmäßigkeit lässt uns spüren: du bist nicht allein.

Beten ist Privatsache, sagt der Coburger, genauer: Glauben ist Privatsache – und da ist auch was dran. Nur, wer im Herzen seinen Gott entdeckt hat , kann ihn auch im Leben, in der Politik, im Büro, hinter der Ladentheke, in der Zusammenarbeit mit Kollegen erkennen lassen: in dem, was wir tun, nicht in den dem, was wir sagen.

So verändern wir die Welt: weil wir uns die Zeit nehmen, sie uns nehmen dürfen, zu üben, dass wir Kinder Gottes sind.

Ich sag jetzt nicht: fangen wir an. Ich sage: üben wir weiter – nächstes Jahr kommt wieder der Sonntag des Gebets. Amen.

 


Klaus M. Kowalski, freie Choralimprovisation zu  Vater unser, Vater im Himmel  (EG 188)

W. Sauer-Orgel, Michaeliskirche zu Leipzig


 

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